Kategorie: digitale Souveränität

  • Mein Weg zu einem Linux-Setup, das sich wie meins anfühlt

    Mein Weg zu einem Linux-Setup, das sich wie meins anfühlt

    Moin! Ich habe mir ein ThinkPad gekauft, ein X1 Yoga, weil ich sehen wollte, was Linux inzwischen so im Vergleich zu Windows und macOS drauf hat. Was als „mal ausprobieren“ begann, ist inzwischen mein liebstes Arbeitsgerät geworden: Der Kauf ist nun drei Monate her, und ich möchte nicht wieder zurück – weder bei der Hardware noch bei der Software. Wie es dazu kam, was ich dabei über meine eigenen Gewohnheiten gelernt habe und welche Baustelle immer noch offen ist: darum geht es in diesem Beitrag.

    Linux: der Weg dahin

    Meine erste Anwenderinnen-Erfahrung mit Linux stammt aus den frühen 2000ern. Damals habe ich mit SuSE und Ubuntu auf dem Familienrechner experimentiert, Level in SuperTux gebaut und parallel weiter Windows genutzt. Danach kam lange nichts. Den nächsten Kontakt ins Linux-Universum stellte erst das Steam Deck her, über seinen Desktop-Modus (manche Spiele, die unbedingt über einen eigenen Launcher starten wollen, fühlen sich dort wohler; ansonsten reicht die Standard-Ansicht auf diesem wunderbaren Gerät völlig).

    Gearbeitet habe ich bisher trotzdem in Windows, macOS und Android, beziehungsweise dem, was Samsung aus Android gemacht hat. Durch meine Hardware-Welt verläuft dabei eine klare Grenze: Da ist der Gaming-PC, auf dem Windows auch als stellenweise nerviges Windows 11 noch ein Zuhause hat, und da ist das MacBook als Zentrale für alles rund um Uni-Job und Dissertation. Reicht doch, sollte man meinen? Naja. Mir fehlte das Lesen-am-Tablet-Gefühl. Das kann mir mein Smartphone nicht geben, denn egal wie groß diese Dinger werden: Für mich fühlt sich so ein Bildschirm immer zu klein an.

    Also lag hier ein Samsung-Tablet, groß genug, um komfortabel damit zu arbeiten. Und ja, Dex – Samsungs Desktop-Modus, der aus dem Tablet fast einen kleinen Rechner macht – ist meiner Meinung nach allem überlegen, was die Mobil-Welt aktuell zu bieten hat. Was mich störte, waren die Unterschiede zwischen Desktop- und Mobil-Version mancher Apps. Einige App-Versionen wirken gegenüber ihrem Desktop-Pendant wie nachrangig behandelt: mal begrenzen die Systeme selbst, mal sind es wohl einfach Entwickler-Kapazitäten. Im Mai wurde mir die tägliche private Arbeit darauf zu mühsam, und die Entscheidung stand: ein richtiger Laptop, und auf den kommt Linux, denn alles andere kenne ich ja schon.

    Ich habe mir überlegt, was ich brauche und möchte, bin auf Hardware-Suche gegangen und habe mich durch den Linux-Chooser des Tech-Creators The Morpheus geklickt – ein gutes Dutzend Fragen, drei bis fünf Minuten, dann gibt es Vorschläge für Distribution und Desktop-Umgebung. Am Ende dieser Erkundungstour standen für mich ein ThinkPad X1 Yoga (für das Tablet-Gefühl) und Linux Mint, Cinnamon Edition (als einsteigerfreundliches Linux) fest.

    Den letzten Überzeugungs-Stups lieferte dann Windows selbst. Als das frisch bestellte ThinkPad zum ersten Mal startete, wollte sich erst einmal Windows einrichten, und kurz dachte ich noch: „Naja, reicht ja vielleicht auch.“ Aber nach diversen „Abonnier dies!“ und „Kauf das!“ WÄHREND der Installation (man konnte also nicht mal weglaufen) war ich mir äußerst sicher: Dieses System bleibt nicht allein auf der Festplatte.

    Die ersten Reflexe

    Meine Hände haben Gewohnheiten, von denen ich bestenfalls ahnte, dass es Gewohnheiten sind – bis sie plötzlich ins Leere griffen. Der erste Moment der Linux-Wahrheit kam nicht beim Terminal oder bei irgendeinem Treiber, sondern beim Layout: Die Leiste war unten! Bei macOS sitzt sie oben, und dort habe ich sie (auch im direkten Vergleich zu Windows) schätzen gelernt. Mein Blick wanderte also, geprägt vom Arbeitsalltag am MacBook, permanent nach oben rechts, wo die wichtigen Informationen wohnen, und fand dort: nichts. Also Leiste nach oben verschoben. In Cinnamon, der Desktop-Umgebung von Mint, war das mit wenigen Klicks auch direkt erledigt. Wie ich diese Anpassbarkeit liebe! Und mit einem Mal fühlte sich der Bildschirm ein kleines bisschen mehr nach Zuhause an.

    Sidenote: Anpassbarkeit ist keine Selbstverständlichkeit. Zu meiner Windows-Nutzung: Der Windows-Rechner ist bei mir fürs Gaming da. Das Setup besteht aus zwei Monitoren nebeneinander, Spiel auf Monitor 1, Discord und YouTube auf Monitor 2. Unter Windows 10 hatte ich die Taskleiste auf Monitor 2 vertikal an die Grenze zu Monitor 1 geschoben, so kam die Maus am schnellsten an alles ran. Unter Windows 11 ist das ab Werk keine Option mehr. Grr.

    Der nächste Reflex: Ich fuhr mit dem Mauszeiger an den unteren Bildschirmrand und erwartete ein Dock. Da war keins. Spannend, wie mich das macOS-Design inzwischen geprägt hat! Ein paar Tage habe ich versucht, ohne auszukommen, aber der Reflex blieb hartnäckig. Also kam Plank dazu, ein schlankes Dock für Linux. Es ist erstaunlich, wie viel Muskelgedächtnis so ein Betriebssystem-Wechsel offenlegt: Man merkt erst, was man hatte, wenn die (virtuelle) Hand ins Leere greift.

    Dabei ist mir ein Unterschied klar geworden: Es gibt „vermissen, weil gewohnt“, und es gibt „das ist praktisch, das brauche ich auch hier“. Das Dock ist praktisch, es verdient seinen Platz, weil es mein Arbeiten schneller macht und die Leiste oben so einen aufgeräumteren Look bekommt. Die Leiste selbst war zunächst reine Gewohnheit – behalten habe ich sie trotzdem, aber ich habe sie deutlich verändert, dazu gleich mehr. Und dann gibt es noch eine dritte Kategorie: Dinge, die ich unter macOS gut finde und trotzdem kein bisschen vermisse. Die einheitliche Menüleiste zum Beispiel, die macOS allen Programmen oben verordnet: finde ich dort weiterhin gut, fehlt mir hier aber gar nicht.

    Der Moment, in dem es „klick“ machte

    Irgendwann kippte mein Verhältnis zu dem ganzen Prozess. Ich hatte aufgehört, Linux als „macOS, das die falschen Sachen macht“ oder „Windows, aber ohne Microsoft“ zu sehen, und angefangen, es als das zu nehmen, was es ist: ein System, das ich nach meinen Regeln einrichten darf. Statt mich zu ärgern, dass etwas anders ist, baute ich es so, wie ich es will.

    Die Leiste oben ist dafür das beste Beispiel. Aus der reinen macOS-Gewohnheit ist etwas Eigenes geworden: Links stehen Wochentag, Datum und Uhrzeit. Rechts der Akku in Prozent samt Restzeit, dazu die üblichen Symbole für WLAN, Bluetooth und die Programme, die im Hintergrund mitlaufen. Und in der Mitte sitzt der Knopf, der das Startmenü öffnet (das, was bei macOS ungefähr das Launchpad wäre). Er zeigt das Mint-Logo und sagt: „Moin.“ Ich freue mich jedes Mal darüber.

    ein Screenshot meiner oberen Leiste in Linux Mint (Cinnamon)

    Mein Startmenü sagt Moin. Was soll ich sagen: Wir verstehen uns.

    An dieser Stelle wurde mir etwas klar, das ich aus meiner Arbeit mit Obsidian und dem Thema Personal Knowledge Management bestens kenne: Make it your own. Ein PKM-System, das du nicht an deine Denkweise anpasst, bleibt fremd. Es unterstützt dich nicht richtig, und irgendwann hörst du auf, es zu nutzen. Mit einem Betriebssystem scheint es ähnlich zu sein. Die Anpassung ist nicht lästiges Beiwerk, sie ist der Aneignungsprozess. Genau in dem Moment, in dem ich anfange, an den Schrauben zu drehen, wird aus „einem Computer“ mein Computer. Und ja, ich höre die Windows- und Mac-Nutzer schon: „Nutz das System doch so, wie es gedacht ist.“ Aber warum? Ich muss damit arbeiten, also darf es auch so funktionieren, dass es mein Arbeiten bestens unterstützt.

    Läuft denn mein Zeug?

    Die nüchterne Frage vor dem Kauf war natürlich: Laufen meine Kern-Programme? Obsidian und Zotero hatte ich vorab geprüft, beide gibt es für Linux. Alles andere habe ich nach der Mint-Installation nach und nach dazugeholt und wurde dabei mehrfach positiv überrascht: pCloud hat eine Linux-App, 1Password auch, und sogar Claude läuft hier als Desktop-App, offiziell als Linux-Beta. Mein digitaler Werkzeugkasten ist komplett umgezogen, und wehgetan hat es an dieser Stelle kein bisschen.

    Die Hardware hat ihren eigenen Charakter

    Ein ThinkPad ist kein MacBook, und das meine ich als Kompliment.

    Gekauft habe ich das X1 Yoga vor allem wegen des Scharniers: einmal umgeklappt, und aus dem Laptop wird genau das Tablet, das am Anfang dieser Geschichte stand – nur mit einem vollwertigen System darauf. Ich hatte mich auf eine Bastelei eingestellt, um die Tastatur im Tablet-Modus wirklich stummzuschalten. Und dann deaktivierte sie sich einfach von selbst. Manchmal ist Linux weiter, als man (ich) denkt. (Fairerweise: Lenovo unterstützt Linux auf der eigenen Hardware oft ganz offiziell.)

    Apropos Tastatur: Als kleiner Tastatur-Nerd tippe ich ohnehin ungern auf Standard-Laptop-Tastaturen. Aber den TrackPoint, diesen kleinen roten Punkt mitten in der Tastatur, mochte ich trotzdem. Doch des Schreibgefühls wegen hängt am ThinkPad wie am MacBook eine externe Tastatur.

    Und weil ich das Gerät schonen will, habe ich noch eine kleine Einstellung zum Laden des Akkus gemacht: Er lädt nur bis 80 Prozent. Das ThinkPad lässt sich das direkt sagen, ganz ohne Zusatzsoftware-Drama. Ich weiß, an dieser Stelle winkt der Mac-Nutzer ab: Dort lernt das Gerät mein Ladeverhalten und entscheidet im Hintergrund für mich. Kann man mögen. Ich mag es inzwischen lieber, dass ich entscheide, einmal, mit einem Regler.

    Die wichtigste Lektion: Erst schauen, was schon da ist

    Eine Sache hat mich besonders gelehrt, geduldiger zu werden. Ich wollte Touch-Gesten für mein Trackpad einrichten und habe brav eine externe App installiert, konfiguriert, mich gefreut. Bis ich beim Stöbern in den Systemeinstellungen entdeckte, dass Mint längst eine eingebaute Gestenverwaltung mitbringt. Die externe App war komplett überflüssig. Ups 🙂

    Das ist, glaube ich, die eigentliche Anfänger-Falle bei Linux: Man liest sich durch Anleitungen aus aller Welt und installiert Tool um Tool, während die elegante Lösung oft schon ab Werk dabei ist. Seitdem ist meine erste Frage immer: Kann das System das vielleicht schon selbst? Erstaunlich oft lautet die Antwort: ja. Vielleicht bin ich da auch von anderen Betriebssystemen „geschädigt“, die zeitweise eine eigene App brauchten, um ein Programmfenster auf dem halben Bildschirm anzuzeigen.

    Ehrliche Baustelle: der Browser

    Eine Sache ist auch nach drei Monaten nicht entschieden: der Browser. Auf dem Mac mag ich Arc. Unter Linux hat es mir Zen angetan: Firefox-Basis, also die bewusstere Wahl, mit Arbeitsbereichen und allem, was ich mag. Aber Zen hakt an einzelnen Stellen, mit dem Login bei meinem Mail-Anbieter will es zum Beispiel nicht klappen. Vivaldi wiederum schätze ich für das, was es kann (allein die browsereigene Gestensteuerung!), doch es basiert auf Chromium – und Google hat dort dem Werbeblocker uBlock Origin endgültig den Stecker gezogen. Vivaldi hat die Unterstützung länger am Leben gehalten, als alle dachten, aber inzwischen ist auch das Geschichte. Seit bei mir auf YouTube trotzdem hin und wieder Werbung durchkam, schaue ich Videos via Zen. Ob ich überhaupt noch einen Chromium-Browser nutzen möchte? Ich weiß es ehrlich nicht. Du merkst: Hier ist nichts fertig. Meine Browser-Wanderung bekommt irgendwann einen eigenen Beitrag.

    Ja, aber

    Mir ist klar, was Windows-Fans und Apple-Nutzer jetzt sagen: Will ja nicht jede:r, brauch ich nicht, funktioniert doch auch so. Und wenn das für dich passt, egal was du nutzt: super! Don’t change your running system.

    Aber falls du mit deinem System mal an eine Grenze stößt, oder ein Update ein geliebtes Feature verschwinden lässt (oder es so verändert, dass es ein ungeliebtes wird), dann schau doch mal in die Linux-Richtung. Dort wartet eine große Auswahl an Betriebssystemen und Desktopumgebungen (ja, das sind unterschiedliche Dinge), die du anpassen darfst, aber nicht musst. Funktioniert auch so, glaub mir.

    Und jetzt?

    Mein Setup steht. „Fertig“ ist es auch nach drei Monaten nicht, das wird es nie sein, und das ist okay: Das Verändern, Ausprobieren und Vergleichen gehört für mich zum Spaß dazu. Aber es ist meins geworden. Ich arbeite gern damit, ich finde mich zurecht, und die kleinen Anpassungen, die ich nach und nach mache, fühlen sich nicht nach Mühsal an, sondern nach Gestaltung. Eines weiß ich jetzt schon: Mint wird nicht die letzte Distro auf diesem Laptop sein. Es gibt zu viele wunderbare Möglichkeiten, ein Betriebssystem fernab der Windows/Mac-Logik an die eigenen Bedürfnisse anzupassen, und die möchte ich unbedingt ausprobieren.

    Das Schönste ist die Nebenwirkung: Klar bin ich sicherer im Umgang mit Linux geworden. Vor allem aber ist dieses alte Klischee bei mir weg, Linux sei Nerd- und Bastelkram. Ist es nicht. Ich habe es installiert, und es lief. Die Anpassungen sind nicht der Preis, den man für Linux zahlt – sie sind mein Bonus. Mit diesem Gefühl darf nun auch mein Gaming-PC eine Veränderung durchmachen: Bazzite enters the room. Aber das ist eine Geschichte für einen anderen Beitrag, und dort erzähle ich dann auch ein wenig mehr über SteamOS.

    Falls du gerade selbst von macOS oder Windows zu Linux wechselst: Hab Geduld mit deinen alten Reflexen. Frag dich nicht, was du alles machen könntest, sondern was du für deine nächste Aufgabe brauchst – mit dieser Frage findet sich alles Weitere fast von selbst. Und schau erst, was das System schon kann, bevor du ein Tool dafür installierst. Viel Spaß beim Umstieg!


    Bildnachweis: Titelbild unter Verwendung des Linux-Mint-Logos von Clement Lefebvre, Lizenz CC BY 3.0, via Wikimedia Commons. Dieser Blog steht in keiner Verbindung zum Linux-Mint-Projekt.

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